Die Labkräuter – Wo die Wiese zusammenhält
- Raphael Poupart
- 26. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Erzählt von Tom, dem alten Waldarbeiter, der weiß, dass manche Pflanzen nicht durch Stärke wirken, sondern durch Verbindung.
🌾 Wo Wiesen zusammenhalten – Begegnung mit den Labkräutern
Der Sommer steht hoch. Die Luft ist warm, und das Gras reicht mir bis zu den Knien. Ich gehe barfuß über die Wiese, langsam, wie man geht, wenn man nichts sucht – und alles findet. Dann bleibe ich stehen.
Feine, sternförmige Blätter hängen an meinen Hosenbeinen, kleine grüne Hände, die nicht greifen, sondern festhalten, als wollten sie sagen: Bleib noch einen Moment.
„Die Labkräuter halten fest“, murmele ich, „nicht aus Zwang – sondern weil sie dazugehören.“
Sie fallen kaum auf. Kein lautes Grün, keine prahlenden Blüten. Und doch sind sie überall. Zwischen Gräsern, an Waldrändern, auf Böschungen. Wo sie wachsen, wirkt die Wiese ruhiger. Geschlossener. Als hätte jemand die losen Fäden wieder zusammengeführt.

🏺 Herkunft, Geschichte & der Name der Verbindung
Die Gattung Galium ist alt. Älter als viele Wege, die wir heute gehen. Man findet ihre Arten in Europa, Asien, Nordafrika und Nordamerika. Überall dort, wo Menschen lebten, Tiere weideten und Wiesen gepflegt wurden.
Der Name Labkraut kommt nicht von ungefähr. Schon in der Antike und besonders im Mittelalter nutzten die Menschen bestimmte Arten – allen voran das Echte Labkraut (Galium verum) – um Milch zum Gerinnen zu bringen. Die enthaltenen Enzyme ersetzten das tierische Lab.
Käse entstand nicht im Labor. Er entstand auf Wiesen.
„Bevor es Labore gab“, sage ich oft, „gab es Labkräuter.“
Sie waren Teil des Alltags: in Klostergärten, auf Almen, in Bauernhäusern. Still, zuverlässig, verbindend.
🌱 Aussehen, Lebensweise & Jahreszeit
Labkräuter erkennt man nicht an Größe – sondern an Ordnung.
schmale, quirlig angeordnete Blätter, meist sternförmig um den Stängel
feine, manchmal raue oder klettende Stängel
kleine, unscheinbare Blüten – gelb oder weiß
Sie wachsen dort, wo nichts dominieren will: auf Wiesen, an Waldrändern, auf Heiden und Böschungen. Ihre Blütezeit reicht – je nach Art – von Mai bis September.
Ein paar der wichtigsten Vertreter:
Echtes Labkraut (Galium verum): gelbe, duftende Blüten, weich, sonnig, mild
Kletten-Labkraut (Galium aparine): kräftig, haftend, fast aufdringlich – aber nützlich
Weißes Labkraut (Galium album): zurückhaltend, licht, weit verbreitet
Jedes hat seinen Platz. Keines drängt sich vor.
⚠️ Giftigkeit & Sicherheit
Hier gibt es wenig Drama – und das ist gut so.
Labkräuter sind ungiftig. Junge Pflanzen sind gut essbar, ältere werden zäh und faserig. Eine relevante Verwechslungsgefahr besteht kaum.
„Was verbindet“, sage ich mir, während ich ein paar Triebe zwischen den Fingern reibe, „will selten schaden.“
💊 Heilkraft – Sanfte Ordnung
Labkräuter heilen nicht mit Druck. Sie ordnen.
Inhaltsstoffe:
Flavonoide
Gerbstoffe
Cumarine
Enzyme
Wirkung:
lymphreinigend
harntreibend
entzündungshemmend
hautberuhigend
In der Volksheilkunde galten Labkräuter als Pflanzen der sanften Regulation.
Tee zur Unterstützung von Lymphe und Haut
Umschläge bei Hautproblemen
Waschungen bei Ekzemen und Reizungen
Keine Gewalt. Keine schnelle Keule. Sondern Geduld.
🌌 Mythologie, Volksglaube & Symbolik
In alten Kulturen galten Labkräuter als Pflanzen der Verbindung.
Man legte sie in Haus und Stall, um Ordnung zu halten – nicht gegen etwas, sondern für das Gleichgewicht. Das gelbe Labkraut galt als Sonnenpflanze, Träger von Wärme und Maß.
Symbolisch stehen Labkräuter für:
Bindung
Ordnung
Zusammenhalt
Milde
Ich sitze oft am Rand einer Wiese und denke:
„Manche Pflanzen heilen nicht durch Kraft – sondern indem sie alles wieder zusammenbringen.“
🌍 Wildnispraxis, Ökologie & moderne Bedeutung
Auch heute haben Labkräuter ihren Platz.
Wildküche: junge Triebe in kleinen Mengen
Ökologie: wichtige Pflanzen für Insekten
Färberpflanze: besonders das Echte Labkraut für warme Gelbtöne
Selbstversorgung: Wissen, das bleibt, auch wenn alles andere laut wird
Wo Labkräuter wachsen, ist die Wiese selten zerrissen.
Ich gehe weiter, barfuß, das Gras raschelt. Und hinter mir richtet sich nichts auf – weil nichts niedergetreten wurde.
„Wo Labkräuter wachsen“, sage ich leise, „hält die Wiese zusammen.“



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