Die Nachtkerze – Der Bittersüße Nachtschatten
- Raphael Poupart
- 24. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Erzählt von Tom, dem alten Waldarbeiter, der weiß, dass manche Pflanzen nicht heilen, indem sie trösten – sondern indem sie Respekt verlangen.
🌑 Augen im Unterholz – Begegnung mit der Nachtkerze
Die Dämmerung liegt schwer über dem Graben. Feuchte Luft steigt vom Wasser auf, Mücken tanzen über der Oberfläche. Zwischen Weidenruten und Brennnesseln rankt sich etwas Dunkles empor. Und dann sehe ich sie: rote Beeren, glänzend wie Augen im Halbschatten.
„Manche Pflanzen wollen gesehen werden. Die Nachtkerze beobachtet.“
Der Bittersüße Nachtschatten ist eine Grenzpflanze. Er lebt zwischen Licht und Schatten, zwischen Heilkunde und Gift, zwischen Wissen und Leichtsinn. Wer ihm begegnet, sollte nicht zugreifen – sondern stehen bleiben.

🏺 Herkunft, Geschichte & alte Namen
Die Nachtkatze ist in Europa, Westasien und Nordafrika heimisch und hat sich mit dem Menschen weit verbreitet. Wo feuchte Wege, Gräben und Hecken sind, ist sie nie fern.
Ihre Namen erzählen bereits ihre Geschichte: Bittersüßer Nachtschatten, Dulcamara, Hexenranke, Teufelsbeere. Bitter im Geschmack, süß im Nachhall – und nie harmlos.
Schon in der Antike war sie bekannt, im Mittelalter gefürchtet und genutzt zugleich. In der Klostermedizin und Volksheilkunde setzte man sie ein – vorsichtig, streng dosiert, niemals ohne Wissen.
Tom sagt:
„Wer ihren Namen kennt, weiß schon: erst bitter, dann süß – und nie harmlos.“
🌿 Aussehen, Lebensweise & Jahreszeit
Der Bittersüße Nachtschatten ist ein rankender Halbstrauch:
violette sternförmige Blüten mit gelben Staubgefäßen
eiförmige Blätter, oft mit seitlichen Lappen
leuchtend rote Beeren, auffällig und gefährlich
Wuchsorte: feuchte Hecken, Gräben, Ufer, Waldränder
Vegetationszeit: Mai bis Oktober, Beeren oft bis in den Herbst
Als Kletterpflanze nutzt er andere Gewächse als Halt. Er klammert sich fest, wächst mit, ohne selbst stark zu sein – ein Überlebenskünstler im Schatten.
☠️ Giftigkeit – Wissen ist Pflicht
Der Bittersüße Nachtschatten ist giftig.
Besonders die Beeren und grünen Pflanzenteile enthalten Glykoalkaloide wie Solanin und Dulcamarin.
Mögliche Symptome:
Übelkeit und Erbrechen
Durchfall
Schwindel und neurologische Störungen
Eine Selbstmedikation ist strikt abzulehnen. Kinder sind besonders gefährdet.
Tom warnt klar:
„Die Nachtkerze verzeiht keine Neugier ohne Wissen.“
🩺 Heilkunde – zwischen Tradition und Moderne
Historisch nutzte man die Nachtkerze bei:
chronischen Hautleiden
rheumatischen Beschwerden
Atemwegserkrankungen
Doch stets unter strenger Kontrolle. Das therapeutische Fenster war immer eng.
In der modernen Phytotherapie spielt sie kaum noch eine Rolle. Wenn überhaupt, dann nur standardisiert, ärztlich begleitet und nicht in der Selbstanwendung.
Forschung zeigt antientzündliche Effekte einzelner Inhaltsstoffe – aber auch klare Risiken.
Die Botschaft ist eindeutig: Respekt. Abstand. Fachwissen.
🌌 Mythologie, Volksglaube & Symbolik
In alten Erzählungen ist die Nachtkerze eine Pflanze der Hexen, der Nacht und der Übergänge.
Man schrieb ihr Bann- und Schutzkräfte zu – und nutzte sie als Warnzeichen. Sie steht für:
Wachsamkeit
Verführung
Grenze
Prüfung
Tom sagt leise:
„Nicht alles, was leuchtet, will gepflückt werden.“
🌍 Ökologie & Wildnispraxis
Trotz ihrer Giftigkeit hat die Nachtkerze ihren Platz im Gefüge der Natur.
bestimmte Insekten nutzen sie als Wirtspflanze
Vögel vertragen die Beeren besser als Säugetiere
sie stabilisiert feuchte Saumbiotope
Sie ist kein Heilkraut für jedermann. Kein Sammlerstück. Kein Spielzeug.
„Die Nachtkerze heilt nicht durch Nähe – sondern durch Erkenntnis.“



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