☠️ Amatoxine — das tödlichste Pilzgift: Alles, was du wissen musst
- Raphael Poupart
- 24. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Okt. 2025
Kurzbeschreibung: Amatoxine sind eine Gruppe hochtoxischer Cyclopeptid‑Gifte, die vor allem in einigen tödlichen Speisepilzen vorkommen. Sie greifen zentrale zelluläre Prozesse an, führen zu massivem Leberschaden und können unbehandelt tödlich enden. Dieser Beitrag erklärt Chemie, Vorkommen, Wirkmechanismus, klinischen Verlauf, Diagnostik, Therapie, Prävention und praktische Hinweise für Sammler.
1. Einführung
Amatoxine sind natürliche Toxine, die in bestimmten Pilzarten vorkommen. Sie sind sehr stabil gegenüber Hitze und Verdauungsenzymen — normales Kochen oder Trocknen macht den Pilz nicht sicher. Schon kleine Mengen können bei Menschen schwere Leberschäden verursachen; manche Exemplare (z. B. der Grüne Knollenblätterpilz) gelten seit Jahrhunderten als lebensgefährlich.
2. Chemie & Haupttypen
Amatoxine gehören zu den cyclischen Peptiden und sind biochemisch eng verwandt mit den Phallotoxinen (z. B. Phalloidin), unterscheiden sich aber in Wirkung und Toxizität.
α‑Amatoxin (Alpha‑Amatoxin) — eines der bekanntesten und häufigsten Amatoxine.
β‑Amatoxin, γ‑Amatoxin — weitere Varianten, die zusammen mit α‑Amatoxin in variierenden Anteilen in Pilzen vorkommen.
Wichtig: Alle Amatoxine wirken bereits in sehr geringen Dosen toxisch; sie sind hitzestabil, wasserlöslich und werden überwiegend über die Galle ausgeschieden (Enterohepatischer Kreislauf).
3. In welchen Pilzen kommen Amatoxine vor?
Die wichtigsten Giftpilze, die Amatoxine enthalten, sind:
Grüner Knollenblätterpilz — Amanita phalloides (häufigster Verursacher tödlicher Pilzvergiftungen in Europa)
Weißer Knollenblätterpilz / Todesengel — Amanita virosa
Frühlings‑/Frühjahrs‑Knollenblätterpilz — Amanita verna (je nach Region auch als Frühlings‑Knollenblätterpilz bezeichnet)
Gallertiger Risspilz / tödliche Risspilze — einige Arten aus der Gattung Galerina, z. B. Arten aus dem Komplex um Galerina marginata (regional auch „Herbst‑Galerina“ genannt)
Einige kleine Lepiota‑Arten (Gattung Lepiota) — bestimmte Arten enthalten ebenfalls Amatoxine (Achtung: häufig unscheinbare, kleine Hüte, aber tödlich)
Hinweis: Nicht alle Angehörigen der genannten Gattungen enthalten Amatoxine — es handelt sich um bestimmte Arten oder Artengruppen. Deshalb ist eine Verwechslung mit essbaren Pilzen besonders gefährlich.
4. Toxikokinetik & Wirkmechanismus (Wirkung)
Aufnahme und Verteilung
Amatoxine werden über den Magen‑Darm‑Trakt aufgenommen.
Sie gelangen über die Blutbahn in die Leber, wo sie in sehr hoher Konzentration wirken.
Durch enterohepatische Zirkulation werden sie in die Galle ausgeschieden und können aus dem Darm erneut resorbiert werden — das verlängert und verschlimmert die Giftwirkung.
Zellulärer Wirkmechanismus
Amatoxine hemmen RNA‑Polymerase II — das Enzym, das für die Transkription von mRNA in eukaryotischen Zellen verantwortlich ist.
Folge: die Bildung neuer mRNA wird blockiert → kein Protein‑Nachschub → vor allem hochaktive Zellen wie Hepatozyten (Leberzellen) sterben ab.
Zusätzlich kommt es zu oxidativem Stress, zellulärem Energieverlust und Apoptose/Nekrose.
Warum die Leber besonders betroffen ist
Die Leber ist das zentrale Organ für Aufnahme, Metabolismus und Ausscheidung vieler Substanzen — deshalb erreicht das Amatoxin hier die höchsten Konzentrationen.
Leberzelluntergang führt zu massiver Freisetzung von Leberenzymen und schnell fortschreitendem Leberversagen.
5. Klinischer Verlauf: Die typischen Phasen einer Amatoxin‑Vergiftung
Eine Amatoxin‑Vergiftung verläuft oft in klar abgrenzbaren klinischen Phasen. Dieses Muster ist sehr charakteristisch — leider führt die scheinbare Besserung der ersten Tage manchmal zu verzögerter Unterschätzung der Schwere.
Latenzphase (6–24 Stunden, manchmal 8–36 h)
Patienten fühlen sich zunächst gesund; keine oder nur leichte Symptome.
Diese Ruhephase ist tückisch, weil Betroffene oft glauben, nichts Schlimmes zu haben.
Gastrointestinale Phase (erbrechen, Durchfall)
Starkes Erbrechen, wässriger Durchfall, Bauchschmerzen, Dehydration.
Oft sehr intensiv; beginnt typischerweise 6–24 Stunden nach Aufnahme.
**Apparente Besserung (Rekonvaleszenz‑Phase, 24–48 Stunden nach GI‑Phase)
Symptome können für 24–48 Stunden abklingen; klinisch trügerisch.
Währenddessen läuft die Schädigung der Leber im Hintergrund weiter.
**Leber‑/Multiorgan‑Versagen (ab Tag 3–5, manchmal später)
Anstieg der Leberwerte (AST, ALT), Bilirubin, Gerinnungsstörungen (verlängerte INR), Hypoglykämie, Ikterus.
Verwirrtheit, Koma, Nierenversagen, Elektrolytstörungen.
Ohne aggressive Therapie kann dies zum Tod führen.
6. Symptome (kurz zusammengefasst)
Frühsymptome: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, starke Bauchkrämpfe.
Spätsymptome: Gelbsucht (Ikterus), dunkler Urin, helle Stühle, Blutungsneigung, Verwirrtheit, reduzierte Urinausscheidung (Nierenbeteiligung), Koma.
7. Diagnostik
Anamnese: sehr wichtig — Frage nach Pilzverzehr, Sammelort, Zeitpunkten.
Labordiagnostik: Leberenzyme (AST/ALT), Bilirubin, Gerinnungsparameter (INR/PTT), Elektrolyte, Kreatinin, Blutzucker.
Spezielle Tests: Nachweis von Amatoxinen in Urin oder Serum (im spezialisierten Labor mittels HPLC‑MS/MS oder immunologischen Tests). Urin‑Tests sind oft sensibel in den ersten Tagen.
Bildgebung: Ultraschall/CT kann Lebergröße/Struktur beurteilen; nicht spezifisch für Amatoxin, aber wichtig bei Verlaufskontrolle.
8. Therapie & Notfallmanagement
Wichtig: Bei Verdacht auf Amatoxin‑Vergiftung sofort ärztliche Notfallbehandlung — behandelnder Giftzentrums‑Kontakt und Notaufnahme.
Sofortmaßnahmen
Hospitalisation — auch bei milden frühen Symptomen wegen Risiko der verzögerten Leberbeteiligung.
Aktivkohle (mehrere Gaben möglich), wenn Patient innerhalb eines Zeitfensters nach Einnahme vorstellig wird — reduziert Resorption und enterohepatischen Kreislauf.
Flüssigkeitsersatz und Korrektur von Elektrolytstörungen.
Spezifische Therapien (verfügbar/angewandt)
Silibinin (aus Mariendistel; Wirkstoff: Silibinin) — In vielen Ländern als bevorzugte Antidot‑Therapie (i.v.), hemmt Aufnahme in Leberzellen und schützt Hepatozyten; Daten sprechen für eine Senkung der Mortalität.
N‑Acetylcystein (NAC) — antioxidative Wirkung, unterstützt Leberregeneration; wird häufig ergänzend eingesetzt.
Penicillin G — historisch verwendet; Mechanismus unklar (verdrängende Wirkung), Nutzen umstritten/variabel.
Künstliche Leber‑Unterstützung / Dialyse — zur Entfernung von Giftstoffen und Unterstützung bei Nierenversagen; konventionelle Dialyse entfernt Amatoxine nur begrenzt.
Lebertransplantation — ultimative Therapie bei fulminantem Leberversagen; kann lebensrettend sein, wenn rechtzeitig durchgeführt.
Weitere Maßnahmen
Intensive Überwachung (Blutwerte, Gerinnung, Glukose).
Behandlung von Komplikationen (Infektionen, Blutungen, Hirnödem).
9. Prognose
Amatoxin‑Vergiftungen können lebensbedrohlich sein. Die Prognose hängt von Dosis, Zeitpunkt der Behandlung und Verfügbarkeit spezieller Therapien (z. B. Silibinin, Lebertransplantation) ab.
Moderne intensivmedizinische Versorgung und schneller Transfer in ein Transplantationszentrum haben die Überlebenschancen gegenüber früher verbessert — dennoch bleibt das Risiko ernst.
10. Prävention & praktische Tipps für Pilzsammler
Nie wilde Pilze essen, wenn du dir nicht 100 % sicher bist. Viele tödlich giftige Arten sehen essbaren Arten sehr ähnlich.
Achte besonders auf knollenartige Stiele mit Volva (Knolle/Knollenblätter), weiße Lamellen und grüne Farbtöne — Merkmale, die typisch für einige tödliche Amanita‑Arten sind.
Vertraue im Zweifel Fachliteratur, erfahrenen Mykologen oder Pilzberatungsstellen — und schicke im Zweifel Pilzproben ein.
Kochen, Einfrieren oder Trocknen macht Amatoxin‑haltige Pilze nicht sicher.
Kinder, ältere Menschen und Vorerkrankte haben ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe.
11. Erste Hilfe bei Verdacht auf Vergiftung (Kurz‑Handlungsanweisung)
Ruhig bleiben — Betroffene so schnell wie möglich in die Notaufnahme bringen.
Wichtig: Zeitpunkt der Pilzmahlzeit merken/aufschreiben, Pilze (Reste) mitnehmen oder fotografieren.
Kein Selbstexperiment mit Hausmitteln — ärztliche Abklärung.
Wenn innerhalb kurzer Zeit seit Verzehr (und unter ärztlicher Anleitung): Aktivkohle kann angewendet werden.
Giftinformationszentralen (Telefonnummern regional verfügbar) kontaktieren — in Deutschland z. B. die Giftnotrufzentralen (örtliche Nummern erfragen).
12. Häufige Fragen (FAQ)
Kann man Amatoxine durch Kochen zerstören? Nein. Amatoxine sind hitzestabil — normales Kochen, Braten oder Trocknen macht einen giftigen Pilz nicht sicher.
Wie viel ist tödlich? Die tödliche Dosis ist sehr gering und variiert individuell. Es ist bekannt, dass bereits kleine Mengen (z. B. Anteile eines Pilzhutes) ausreichen können, um schwere Vergiftungen hervorzurufen. Daher: kein Risiko eingehen.
Gibt es einen Test, um zu prüfen, ob ein Pilz Amatoxine enthält? Es gibt labordiagnostische Verfahren (HPLC‑MS/MS) und Schnelltests für Urin/Serum, die in spezialisierten Laboren verfügbar sind. Für den privaten Gebrauch sind diese nicht praktikabel.
13. Fallbeispiele & historische Hinweise (kurz)
Der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) ist für den Großteil tödlicher Pilzvergiftungen in Europa verantwortlich.
In vielen Regionen traten wiederholt tödliche Massenvergiftungen auf, oft durch Verwechslung mit essbaren Arten (z. B. Champignons, Eierschwammerln/Pfifferlinge — Verwechslungen mit anderen Arten sind ein echtes Risiko).
14. Weiterführende Ressourcen
Lokale Giftnotrufzentralen (Notrufnummern und Online‑Informationen).
Kliniken mit Transplantationszentren (bei Verdacht auf fulminanten Verlauf).
Pilzberatungsstellen, Mykologen und Fachliteratur zur Bestimmung.
15. Schlusswort
Amatoxine gehören zu den gefährlichsten natürlichen Giften im europäischen Raum. Die Kombination aus unspezifischen frühen Symptomen, stabiler chemischer Struktur und starker Lebertoxizität macht sie gefährlich. Prävention (korrekte Pilzbestimmung, Verzicht auf unsichere Pilze) und rasches medizinisches Handeln sind entscheidend. Wenn du jemals unsicher bist: lass den Pilz stehen und such fachliche Hilfe.
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Verdacht auf Pilzvergiftung unverzüglich ärztliche Notaufnahme aufsuchen.



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